Die Welt
May 31, 2002

  Freitag, 31. Mai 2002     Berlin, 20:23 Uhr
 

Zeig mir deine Platten, und ich sag' dir, wer du bist

"Lost in Music" von Giles Smith. Ein Buchtipp

"This Is Pop!" - dieser Song der Gruppe XTC musste es schon sein. Eine Hymne, ein Lebensmotto, das der britische Journalist Giles Smith seiner Lesung am Mittwoch in der Schilleroper voranstellte. Leben, das ist Musik hören. Leben ist Platten kaufen. Leben ist die große Sehnsucht, dass man sich eines Tages auf der Bühne wiederfindet. Und wenn das nicht geklappt hat, schreibt man wenigstens ein Buch darüber, dass es nicht geklappt hat.

"Lost in Music" heißt dieses viel gelobte Buch von Giles Smith über eine Obsession, die jeden jungen Mann zwischen zehn und 30 befällt, während Frauen vergleichsweise immun dagegen sind. "Lost in Music" ist auch ein Bericht über eine Kindheit und Jugend in der englischen Kleinstadt Colchester, die immerhin einen Star wie Nick Kershaw hervorgebracht hat - die Älteren werden sich erinnern. Smith berichtet über die erste Platte, für die er sich nicht schämen musste, den rechten Song zum Engtanzen und Knutschen bis hin zum ersten eigenen Plattenvertrag. Seine Karriere entfiel, doch die Musik blieb Lebenssinn und Bekenntnis: Beatles ja, Stones nein. T. Rex ja, Slade keinesfalls. REM statt U2. Zeig mir deine Platten, und ich sag dir, wer du bist.

Natürlich erinnert das sehr an Nick Hornbys "Fever Pitch", nur ist es nicht so ambitioniert geschrieben. Natürlich muss man Besitzer einer entsprechenden Plattensammlung sein, will man all die Namen, Anspielungen und Bewertungen genießen. Solche Bücher leben davon, dass man die eigene Erinnerung an die des Chronisten andockt; dass man den Finger reckt und sagt: "Ja, genau!" Doch hat man diese Haltung an den Eltern nicht stets gehasst? FK


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